Das globale Casino

Mein knapp 40jähriges Berufsleben, das ist die Spielbank. Ich lebe vom und für das Glücksspiel. In der ersten Hälfte dieses Berufslebens durfte ich als Croupier an Spieltischen durch den direkten Kontakt mit Spielern, die mich mitunter öfter sahen als die eigene Familie, Spielerkarrieren und -schicksale, Highlights, Tragödien, Pleiten, Betrügereien und Gerichtsprozesse miterleben. Wenn man es versteht zuzuhören, ist der Spieltisch wie eine Mischung aus Beichtstuhl und Klingelbeutel. Der Gast entledigt sich nicht nur seines Bargeldes, sondern auch oftmals seines seelischen Ballastes. Hin und wieder ist beides gleichbedeutend.

In meiner zweiten Berufsphase erlebte, begleitete und unterstützte ich in der Spielbank - im Hintergrund, nie in vorderster Reihe - wechselnde Geschäftsführungen und deren Entscheidungen. Wir haben im Team schlüsselfertige Casinokonzepte erarbeitet und diese zum Teil auch realisiert. Zu meinem Job gehörte die individuelle Erarbeitung zahlreicher weiterer Konzepte für Casinos weltweit. Ich habe an der ursprünglich rein pekuniären Ausrichtung des Spielbankgeschäftes gearbeitet und mitgeholfen, diese in ein verantwortungsvolles, soziales Konzept für den Betrieb von hinlänglich sicheren Sandkästen für den Spieltrieb des erwachsenen Menschen umzuwandeln.

Besonders die letztgenannte Ausrichtung, zu der wir einen bescheidenen, aber nicht unwesentlichen Teil beisteuerten, machte letztendlich die Spielbanken in Europa zu Spielstätten, in denen man in der Lage ist, bei der Klientel eine ausufernde Spielsucht zumindest in einem fortgeschrittenen Stadium zu erkennen und nachhaltige Gegenmaßnahmen zu treffen. Wir setzten den Zeiten, in denen viele Anbieter achselzuckend wegschauten, wenn ein Spieler sich und seine Familie in den Ruin zockte, ein Ende.

Vor allem aber wurde das diskrete Geschäft um die Zockerei offen und ehrlich als das deklariert, was es schon immer war: Ein Angebot von Glücksspielen, die auf Dauer mit tödlicher Sicherheit zum Vorteil des Betreibers ablaufen. Oder kurz:

"Die Bank gewinnt immer."

Einen interessanten Geschäfts-Mix gibt es seit längerer Zeit im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort ist der größte Casinobetreiber die Landesbank, heute heißt sie NRW.Bank. Auch wenn in einigen anderen Bundesländern die Trägerschaft öffentlich-rechtlicher Spielbanken durch das Land erfolgt (auch das Saarland gehört dazu), so ist dieses Konglomerat Bank-Spielbank in NRW einzigartig. Für mich kann ich süffisant feststellen, daß die Geschäfte der beiden Branchen so weit voneinander nicht entfernt sein dürften.

Wie bezeichnend diese Verkettung geworden ist, zeigt die Entwicklung der Befugnisse der Banken in den letzten Jahren. Die von vielen liberalen Regierungen gewährten Freiheiten für Geschäftsbanken erreichen die kritische Masse. Das sieht auch Finanzwissenschaftler Prof. Max Otte so:
"Der Liberalisierungsweg war ein Irrweg, und das Wort 'Liberalisierung' ist ja auch schon sehr sehr schief. Also, wenn ich Märkte, die geordnet gehören, entfessle und damit ein Chaos entfessle und eine Geldlawine auf die Welt loslasse, dann kann man das Liberalisierung nennen. Aber es war eine Interessenpolitik. Es war nur im Interesse der Reichen. Und es hat die Welt in etliche Schwierigkeiten geführt."
(ARD-Reportage "Die große Geldflut")

Nur im Interesse der Reichen

Diese schier grenzenlose neue Freiheit genießen vor allem die Geldinstitute, die sich uns mitunter immer noch gerne als der biedere Partner um die Ecke verkaufen, der unsere Spargroschen sicher für uns aufbewahrt und uns dafür Zinsen gewährt, während er gleichzeitig wackeren Häuslebauern und Geschäftsleuten unter die Arme greift und ihnen mit Krediten beim Aufbau ihres Hauses oder Unternehmens hilft. Aber die Bank verleiht schon lange nicht mehr einfach unsere Spareinlagen und lebt nicht mehr bescheiden von der Zinsdifferenz und den Gebühren für Kontoführung und Kreditvergabe. Die Bank muß für einen 10.000-Euro-Kredit gerade mal 100 Euro als Sicherheit hinterlegen. Sie steht also nur für ein Hundertstel des ausgeliehenen Geldes gerade, falls der Kreditnehmer pleite gehen sollte.

Da es sich ohnehin fast nur noch um virtuelles Geld handelt, also um Nullen und Einsen in Datenbanken und -strömen, hat jedes Geldinstitut de facto ein Privileg erhalten, das früher Fürsten und Königen, später Zentralbanken vorbehalten war: Sie dürfen aus dem Nichts Geld erschaffen. Wenn es dann durch Pleiten doch mal eng wird, muß der Staat - also wir alle - helfend einspringen. Denn die Bank ist 'systemrelevant'.

Ein Spiel, das man nur spielen sollte, wenn man die Bank ist.

Die Kritik am bestehenden ungezügelten Finanzsystem wird zwar lauter, aber das Stimmchen ist noch sehr dünn. In der Schweiz, in Island, Großbritannien, aber auch in Deutschland gibt es die sogenannten Vollgeld-Initiativen. "Vollgeld" bedeutet, daß die Bank jeden Cent, den sie verleiht, auch wirklich besitzen muß.

Zusätzlich rundet die Bank ihre Geschäftsfelder mit weiteren Angeboten ab: Da die Regierungen weltweit die Zinsen nahezu auf Null oder gar darunter gesenkt haben, verkaufen die Banken und Sparkassen dem klassischen Sparer auch gerne verstärkt Risikoanlagen wie Aktien und deren Ableitungen, quasi als letzte Möglichkeit, um den Wert des bescheidenen Vermögens wenigstens zu erhalten. Stets mit der Standardbelehrung (gegen Unterschrift), daß es sich um eine riskante Anlage handelt. Man trägt ja Verantwortung für den Kunden, damit er nicht zum Zocker wird.

Die Investmentabteilungen der Banken sitzen ebenfalls mit am Spieltisch. Die sind für den kleinen Sparer natürlich kein Gegner auf Augenhöhe. Sonst wäre der uralte Leitsatz - siehe oben - von der stets gewinnenden Bank nicht gesichert. Aber das Geld geht ja nicht verloren. Es wechselt nur den Besitzer.

Daß die Bürger des Staates mit den durchschlagskräftigsten 'Argumenten' in Sachen Wirtschaft, Finanzen und Militär einen Casinobetreiber zu ihrem Präsidenten gewählt haben, erscheint mir nur logisch.

Hier schließt sich der Kreis.
Mesdames et messieurs, faites vos jeux...


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